Die Wehr

 
 
Über die Geschichte der Bürgerwehr ist leider nur sehr wenig überliefert. Die heutige Wehr wurde im Jahr 1874 von einem Veteran, dem ehemaligen Militärarzt 1. Klasse, Dr. Staudacher, als "Bürger-Militär-Verein Amtzell" neu gegründet. Nach Überlieferungen soll er damals

eine 100jährige Fahne mit der Jahreszahl 1774 entrollt haben. Ein weiters Zeugnis liefert auch eine Prozessionsordnung aus 1763 unter der Schirmherrschaft von Baron Karl von Reichlin-Meldegg. Darin heißt es unter anderem: ".... mehrere Compagnien mit verschieden farbigen Standarten, darunter die St. Justini Standart. Die Musikanten, Schützen oder Bandta und Fahnen samt Zugehör, worunter die Trummel verstanden, in die Mitte eintritt und zu beiden Seiten aber die Schützen sparlierweis gehend ..."

Jedenfalls muß die Bürgerwehr um 1774 gegründet worden sein, gleichwohl ist anzunehmen, daß schon um 1450 unter den Sürgen von Sürgenstein eine solche bestanden hat. Ebenfalls in 1774 wurde zusätzlich die Ehrengarde der Justinigrenadiere - im Zusammenhang mit der schon 1750 erfolgten Reliquienübertragung des Hl. Justini nach Amtzell - durch den Baron von Reichlin-Meldegg gegründet. Namen oder sonstige Notizen sind aus dieser Epoche nicht zu finden. Bürgerwehr und Justinigrenadiere wurden aber damals wohl hauptsächlich zum Schutz der Angehörigen des Pfarrverbandes gegen umherziehendes Gesindel geschaffen. Ab 1802 wurde unter der neuen Herrschaft von Württemberg - ganz in der "Gewalt" des französischen Kaisers Napoleon - sämtliche Schusswaffen in ganz Oberschwaben konfisziert. Auch das Amtzeller Bürgermilitär wurde entwaffnet und aufgehoben - lediglich eine Fahne wurde ihm belassen.

Nach den Befreiungskriegen 1813 - 1815 lebten einige Wehren wieder auf, die aber im Revolutionsjahr 1848 wieder verboten wurden. Nur einzelne konnten, ob ihre Teilnahme am Blutfreitag zu Weingarten, weiter bestehen, darunter auch die Amtzeller Justinigrenadiere, zwar ohne eigene Fahne, dafür aber mit der Heilig-Blut-Standarte. Im Jahr 1890 folgte die Anschaffung einer neuen Fahne, am 25jährigen Jubiläum der Wiedergründung beteiligten sich 1899 bereits rund 1200 Männer mit 12 Musikkorps und 35 Fahnen. Zum 50jährigen Jubiläum 1924 konnte ein Spielmannszug mit 9 Mann Stärke zusammengestellt werden.

Bild: "Bürger-Militär-Verein" im Jahre 1903

1935 wurden in Stuttgart alle Garden und Wehren auf den "Führer und die neue Regierung" vereidigt. Von nun an mußte die Bezeichnung "Bürgerwehr" anstelle "Bürgermilitär" geführt werden und jede einzelne Wehr sich den Landesverband unter Vorsitz von Rittmeister Zeltwanger aus Stuttgart, verpflichten.

Die Kriegsjahre führten wie überall dazu, dass nur noch Abordnungen gestellt werden konnten und später im Zuge der Kapitulation nahezu alle Ausrüstungsgegenstände den Alliierten zu übergeben waren. Damit verbunden war das Verbot des Auftretens in Uniformen und das Abhalten von Versammlungen. Erst ab 1947/1948 durfte, mit mündlicher Genehmigung durch die Besatzer, zunächst aber nur in Zivil, wieder an kirchlichen Festen teilgenommen werden.

Erstmals im Jahr 1965 wurde die eigene Satzung erstellt und erfolgte die Eintragung im Vereinsregister. Über all die Jahre hinweg wurden die Bürgerwehr mit aktiven und passiven Mitgliedern verstärkt und erheblich Sachinvestitionen getätigt in Uniformen, Helme, Gewehre bzw. beim Spielmannszug ergänzend in zeitgemäße Instrumente und den Schellenbaum. Nicht zuletzt wurde im Jahr 1979 eine neue Vereinsfahne angeschafft.

Heute umfaßt die Bürgerwehr Amtzell ca. 100 aktive Mitglieder, aufgeteilt in Spielmannszug, Wehr und Justinigrenadiere. Eine nahezu gleiche Anzahl passiver Mitglieder als Förderer und Gönner des Vereins sind mit dabei.

Seit über 225 Jahren beteiligt sich die Bürgerwehr Amtzell an allen örtlichen Festtagen und ist überregional präsent. Sie dient in erster Linie der Verschönerung dieser Feste.

Von revolutionären oder gar kriegerischen Aktivitäten kann hier niemals die Rede sein. Vielmehr galt und gilt es überall die Jahre hinweg, Bürgersinn, Brauchtum, Treue, Kameradschaft und Liebe zur Heimat - allesamt Gemeinschaftstugenden - hoch zu halten und in besonderer Art und Weise zu pflegen. Mag in unserer modernen und hoch technisierten Zeit und Welt manchmal das Verständnis für die Männer in historischen Uniformen fehlen - so gehören sie doch zu ihrer "Gemeinde und Region im Festkleid".

 
 

Spielmannszug

 
 

 

Gemäß einer Prozessionsordnung aus dem Jahre 1763 müssen schon zur damaligen Zeit Trommler "zur Marschunterstützung" mitgewirkt haben. Seit 1894 kann man in den alten Kassenbüchern der Wehr über Käufe bzw. Reparaturen von Trommel, Trommelfellen oder -Schlegeln nachlesen. Gleichwohl gab es bis zum Anfang des 20.Jahrhunderts nur wenige Trommler in der Wehr. Im Jahr 1924, das zugleich als "offizielles Gründungsjahr" gilt, wurde zum damals mit je 4 Trommlern und Flötern zusammengestellt. Seit dieser Zeit gehört der Spielmannszug ohne Unterbrechung "zum lebenden Inventar" der Bürgerwehr Amtzell. Um 1934 bestand der Spielmannszug aus ca. 13-15 Mitgliedern, in den Kriegsjahren gab es - da fast alle Männer im wehrfähigen Alter eingezogen wurden - eine deutliche personelle Schwächung, die sich auch in den ersten Nachkriegsjahren fortsetzte. Danach aber, unter der Amtszeit verschiedener Stabführer, wuchs das Interesse an klingenden Spiel stetig und so wurde beispielsweise im Jahr 1968 eine Mannschaftsstärke von 21 Mann erreicht. Dabei wurde auch im Instrumentenbereich nach und nach richtig investiert - neue, verschiedene Flöten, Lyren, Hörner und ein Schellenbaum wurden angeschafft. Damit war di Grundlage für eine vielseitige und bunt gemischte Musik geschaffen.

Durch konsequente Ausbildung des Nachwuchses mittels eigener ehrenamtlicher Aktiver konnte eine musikalische Leistungsfähigkeit auf sehr gutem Niveau erreicht werden, was die Ergebnisse bzw. die Bewertungen bei Kritikspielen und sonstigen Anlässen belegen. Heute besteht die Besetzung aus insgesamt rd. 35 Männern nach wie vor sind getreu der Satzung der Wehr keine Mädchen bzw. Frauen integriert- die an Schellenbaum, 8 Marschtrommeln, 4 Lyren, großer Trommel/Becken und 20 Flöten (in Sopran/Alt und Tenor) tätig und von der Fasnet über Kirchenfeste, weltliche Festtage, Landestreffen, Geburtstagsständchen und vielen sonstigen Anlässen aktiv sind.

 

 
 

Justinigrenadiere

 
 

 

Im Zusammenhang mit der bereits erwähnten Relliquienübertragung des Hl. Justinus nach Amtzell im Jahre 1750 wurden die Justinigrenadiere als Ehrengarde im Jahr 1774 urkundlich erwähnt.

Unter dem Schutz des Blutfreitags in Weingarten hatten sich die Justinigrenadiere über die schwierigen Jahre um 1800 bis 1850 fort erhalten. Sie durften aber lediglich ihre Heiligblut- Standarte behalten - Waffen oder eigene Fahne blieben verboten.

Bis heute sind die Justinigrenadiere der katholischen Kirchengemeinde unterstellt, deren jeweiliger Ortsgeistlicher zugleich ihr "Chef" ist. So steht es auch in der Satzung der Wehr, der sich die kirchliche Garde  im Jahr 1974 anschloss, um als Abteilung der Bürgerwehr im Vereinsregister eingetragen zu sein.

Das Ausrücken der Justinigrenadiere erfolgte früher hauptsächlich zu kirchlichen Hochfesten, vor allem am Justinifest, welches jedes Jahr am Pfingstmontag gefeiert wird. Seit dem Beitritt zur Bürgerwehr wird aber zusätzlich auch an weltlichen  Fest- und Feiertagen teilgenommen.

Zur Zeit stehen 10 Gewehrträger, die 3köpfige Fahnenabordnung und der Hauptmann in den Reihen der Justinigrenadiere.